Die Geschichte Otterstadts

1871

Im Königreich Bayern (Von der Reichsgründung 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914)

Quelle: U. Stanzl
Blankziegel waren Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Fassadenelement

Im Deutschen (Kaiser-)Reich, zu dem Bayern und mit ihm die Pfalz seit dessen Ausrufung am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles gehörten, dehnte sich Otterstadt vor allem nördlich der Kapellenstraße – mit Anlage der Kirchenstraße um 1890 und der Luitpoldstraße um 1910 – aus. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts setzte sich zunehmend die zweigeschossige Bauweise gegenüber der bis dahin vorherrschenden eingeschossigen durch.

Ortsbildprägend sind bis heute die Scheunenkränze entlang der Mannheimer und der Speyerer Straße. Eine Besonderheit stellen die verstreut über den ganzen Ort anzutreffenden, zwischen 1890 und 1900 errichteten Wohnhäuser und Nebengebäude mit Außenhaut aus Blankziegeln dar, für die möglicherweise der Neubau der Pfarrkirche vorbildgebend war.

Quellen: Horst Kuhn, Otterstadt meine Heimat, Seite 273 (obere Abb.), Wikipedia, Robert Stieler (untere Abb.)
Die Vereinigten Speyerer Ziegeleiwerke bestanden seit 1889 (oben), die Badische Anilin- und Sodafabrik, kurz BASF, wurde 1865 in Ludwigshafen am Rhein gegründet (unten)

Von der Industrialisierung wurde Otterstadt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts indirekt durch den Zuzug von Arbeitern, die vor allem in der aufstrebenden Chemieindustrie in Ludwigshafen (BASF, Giulini etc.) Beschäftigung fanden, betroffen; die Bevölkerungszahl stieg dadurch weiter an.  Viele Otterstadter waren auch in den Ziegeleien im Angelwald (I, II und III), im badischen Herrenteich und im Reffenthal, die bis 1889 alle an die „Vereinigten Speyerer Ziegelwerke“ gelangten, beschäftigt. Durch die Rheindurchstiche standen ihnen große Vorräte an Lehmerde zur Verfügung. 1887 ließ die Gemeinde ihre Angelwaldwiesen öffentlich versteigern; die Einnahmen von 89.000,- RM für 10,5 ha Wiesen trugen wesentlich zur Finanzierung des Kirchenneubaus 1889/91 bei. Die Angelhofer Ziegeleien wurden 1921 wegen Tonmangels geschlossen.

Die Ansätze zum Aufbau einer eigenen Industrie in Otterstadt blieben hingegen sehr bescheiden. Der Aufschwung des Tabakanbaus in Otterstadt veranlasste Philipp Ackermann, in der Obergasse (heute Speyerer Straße) eine Fabrik einzurichten, die von 1880-1913 Zigarren herstellte. Die Konkurrenz der Zigarettenfabriken und vor allem der beginnende Erste Weltkrieg führten zum raschen Niedergang. Bereits 1914 waren nur noch zwei Arbeiterinnen beschäftigt, am Kriegsende war die Firma erloschen. Seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde in der Mannheimer Straße 15 eine Ölmühle betrieben. 1949 wurde sie stillgelegt, zwei Jahre später abgebaut.

Quelle: Otterstadt - anno dazumal, Seite 110.
Der erste Postbus sorgte für Auflauf. Vor dem Gasthaus „Zum Adler“ in der Mannheimer Straße, der ehemaligen Postagentur (um 1900).

1880 wurde in Otterstadt eine Postexpedition eingerichtet, die ihren Sitz in der Wirtschaft „Zum Adler“ hatte; sie erhielt 1891 Telegraphen- und 1893 Telefonanschluss und wurde 1898 in eine Postagentur umgewandelt. 1910 wurde die Motorpostlinie Speyer – Otterstadt – Waldsee eröffnet; am 1. April des Jahres erfolgte die erste Fahrt mit zwei Postomnibussen – einem größeren von 80 Zentnern und einem kleineren von 60 Zentnern – Richtung Otterstadt. 1914 erhielt Otterstadt elektrisches Licht; zum 1. Januar 1915 wurde der Strom ins Ortsnetz Otterstadt eingespeist.

Die im Kaiserreich stark anwachsende Arbeiterschaft organisierte sich in Gewerkschaften und in den Arbeiterparteien. Als erste Niederlassung einer politischen Partei wurde in Otterstadt –nach einem ersten fehlgeschlagenen Versuch am 7. Oktober und vorübergehender Auflösung am 19. Oktober 1906 – endgültig am 5. Januar 1907 ein Ortsverein der SPD (Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) gegründet.

Bei Reichstags- und Landtagswahlen im Kaiserreich entfielen in Otterstadt jedoch auf die auf Ortsebene noch nicht organisierte katholische Zentrumspartei die meisten Stimmen. So erhielten in dem katholischen Dorf beispielsweise bei der für die SPD sehr günstig verlaufenen Reichstagswahl vom 12. Januar 1912 das Zentrum 145 (57,5 %) und die SPD 97 (38,5 %) Stimmen; keine Rolle spielten die in der Kaiserzeit pfalzweit bedeutsamen Nationalliberalen (10 Stimmen = 4,0 %).

Quelle: Otterstadt anno dazumal, Seite 105.
Backstein-Herstellung im Angelhof (Angelwald).

Die Backstein-Herstellung, wie zum Beispiel im nahegelegenen Angelhof, erforderte viele Arbeitskräfte. Auch Jugendliche und Frauen wurden als Tagelöhner eingesetzt. Diese Menschen wurden zunehmend politisch aktiv und forderten bessere Arbeitsbedingungen, gerechtere Löhne und politische Gleichberechtigung. Aufgrund der starken sozialen Ungleichheit erhielten Arbeitervereine und Gewerkschaften immer mehr Zulauf.

Der Sport-Schützenverein Otterstadt, der seinen Ursprung in dem 1874 gegründeten Krieger- und Militärverein hat, feierte 2024 sein 150-jähriges Jubiläum (Vereinslogo oben links). Der Turn- und Rasensportverein, kurz TuRa genannt, feierte im selben Jahr sein 125-jähriges Bestehen (Jubiläumslogo oben rechts). Abschrift der Gründung des „Männer-Gesangvereins“ unter dem Namen „Germania“ (Ausschnitt), die am 19. Juni 1904 in der Wirtschaft „Zur Sonne“ stattfand (Abbildung unten).

Im Kaiserreich nahm auch das Vereinswesen einen großen Aufschwung. Im Gefolge des Deutsch-Französischen Krieges entstand bereits 1874 in Otterstadt ein Krieger- und Militärverein. Der am 26. Oktober 1890 ins Leben gerufene Katholische Kirchenchor St. Cäcilia und der am 14. Dezember 1898 als „Turnverein Otterstadt“ gegründete Turn- und Rasensportverein (Tura) Otterstadt zählen zu den ältesten, noch heute bestehenden Vereinen.  Der Männergesangverein (heute Gesangverein) Germania – ebenfalls bis in die Gegenwart aktiv – wurde am 19. Juni 1904 gegründet. Bereits am 1. Dezember 1895 hatten 78 Genossen den „Spar- und Darlehenskassenverein“ Otterstadt, die Keimzelle der späteren „Raiffeisen-Genossenschaft“, ins Leben gerufen.

Neben den bürgerlichen, bäuerlichen und (katholisch-)konfessionellen Vereinen entstanden in Otterstadt – wie an vielen anderen Orten – auch Vereine der Arbeiterbewegung. Zu nennen sind der 1911 als „Fußballklub Fidelio“ gegründete spätere „Freie Sportverein Otterstadt“ und der Arbeitersängerbund – beide wurden 1936 durch die Nationalsozialisten aufgelöst.